Chancen und Risiken
Was spricht für einen Einsatz in Bibliotheken?
Neben dem offensichtlichen Vorteil/Nutzen, dass durch die Freiwilligenarbeit
Angebote der Bibliothek eingeführt oder weitergeführt werden können, sind weitere positive Effekte zu benennen.
- Frischer Wind: Freiwillige verfügen meistens über einen anderen beruflichen Hintergrund als die Hauptamtlichen. Aus diesem Grund haben sie eine andere Sicht auf die Bibliothek und ihre Aufgaben, ihnen fehlt die "Bibliothekarsbrille". Freiwillige können so wertvolle Anregungen und Ideen einbringen, die für den ausgebildeten Bibliothekar zu nahe liegend sind, um sie zu entdecken, oder zu fremd.
- Multiplikatorenfunktion: Freiwillige reden über ihre Tätigkeit; mit Freunden, Familie, Bekannten, Nachbarn, dem Kollegium und wen sie sonst noch treffen. Sie laden andere in die Bibliothek ein und werben für sie und für die Freiwilligenarbeit.
- Partizipation der Bürgerinnen: Durch die aktive Verbundenheit mit der Bibliothek verändert sich die Sichtweise auf dieselbe. Bürgerinnen, die sich für die Bibliothek engagieren, empfinden schnell auch eine emotionale Verbundenheit und ein Verantwortungsgefühl. Als Resultat kann eine verbesserte Verankerung der Bibliothek in der kommunalen Gemeinschaft erzielt werden.
Exkurs: Der Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements
Um wirklich eine verbesserte Verankerung in der kommunalen Gemeinschaft zu erreichen,sollte der Freiwilligeneinsatz allerdings nicht das einzige Instrument der Bibliothek auf diesem Feld bleiben, sondern von weiteren Initiativen zur Ausweitung des bürgerschaftlichen Engagements umrahmt werden wie:
- der Bereitstellung von Räumlichkeiten für Gruppen, die kommunale Interessen vertreten (z.B. Initiativen zur Nachbarschaftshilfe, Umweltschutzgruppen…),
- der Kooperation mit anderen Einrichtungen des bürgerschaftlichen Engagements,
- der Einbeziehung von Bürgern in Entscheidungsprozesse,
- der Teilnahme der Bibliothek an lokalen Initiativen zur Verbesserung des Miteinanders in der Gemeinde/Stadt (auch wenn die Thematik nicht bibliotheksrelevante Interessen bedient, sondern als Zeichen, dass die Bibliothek in der lokalen Gemeinschaft verwurzelt ist).
Die englische Regierungsorganisation MLA (Museums, Libraries and Archives Council) hat sich umfassend mit der Thematik befasst, weiterführende Informationen, Tipps und Umsetzungsbeispiele finden Sie auf der MLA-Homepage unter www.mla.gov.uk/website/programmes/framework/framework_programmes/Report_and_Toolkit
Welche Risiken sind mit dem Einsatz verbunden?
Bibliotheken wie auch andere kulturelle Einrichtungen nennen bei der Bewertung ihres Freiwilligeneinsatz mehrere zentrale Problemfelder.
- Entprofessionalisierung: die meisten Freiwilligen verfügen nicht über eine bibliothekarische Ausbildung und damit auch nicht über bibliothekarisches Grundwissen, sie können bibliothekarisch ausgebildetes Personal nicht gleichwertig ersetzen. Dies muss bei der Auswahl von Arbeitsfeldern bedacht werden ebenso wie bei der Planung der Einarbeitungsphase. Der Betreuungsaufwand ist hoch. Im politischen Kontext ist zu beachten, dass eine Besetzung von bibliothekarischen Stellen mit nicht ausgebildeten Kräften einer Entwertung der Ausbildung gleichkommen kann.
- zusätzliche Arbeitsbelastung: Häufig wird der zeitliche Aufwand, den der Freiwilligeneinsatz bei den Hauptamtlichen verursacht, unterschätzt. Gesa Birnkraut zitiert die Beraterin Susan Ellis folgendermaßen: "Um einen fest angestellten Mitarbeiter zu ersetzen, braucht man im Schnitt 26 Ehrenamtliche, deren Einsatzplan einem gigantischen Flickenteppich ähneln würde. Um diese Ehrenamtliche zu koordinieren, können Sie gleich noch einen Hauptamtlichen einstellen."Ein Freiwilligeneinsatz, rein als Spar- oder Konsolidierungsmaßnahme gedacht, lohnt der weiteren Planung nicht.
- fehlende Verbindlichkeit: Anders als das hauptamtliche Personal müssen Freiwillige keine Kündigungsfristen einhalten, sie brauchen die Arbeit nicht zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts. Ein dauerhafter Einsatz ist zwar erstrebenswert, kann aber nicht vorausgesetzt werden. Vor allem die Übertragung von Aufgabenbereichen, die die Wahrung der Öffnungszeiten einschließen, bedarf einer ausgeklügelten Organisation. Daneben ist zu beachten, dass sich die Auswahl an Sanktionsmaßnahmen recht eingeschränkt gestaltet. Die Führung freiwilliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfordert viel Fingerspitzengefühl.
Kommt der Freiwilligeneinsatz für unsere Bibliothek in Frage?
Der Einsatz von Freiwilligen ist nicht automatisch eine Bereicherung für eine Bibliothek. Es gibt einige Fragen, die eindeutig mit "JA" zu beantworten sind, bevor weitere Planungen unternommen werden:
- Kann die Bibliothek die Kosten tragen?
Auch wenn die Freiwilligen unentgeltlich arbeiten, ist der Einsatz nicht umsonst. Es entstehen personelle Kosten für die Planung und Verwaltung des Einsatzes und die Schulung der Freiwilligen. Daneben können finanzielle Kosten für Aufwandsentschädigungen oder für die verschiedene Formen der Anerkennung anfallen. Letztendlich muss dem Freiwilligen auch ein der Aufgabe entsprechender Arbeitsplatz zur Verfügung stehen. (siehe Kostenrechnung)
- Gibt es Aufgaben, die sich für den Freiwilligeneinsatz eignen?
DieAufgaben, mit denen Freiwillige betraut sind, sollten sich von denen derHauptamtlichen unterscheiden, eine Überlappung der Aufgabenbereiche ist,soweit möglich, zu vermeiden. Die deutliche Unterscheidung zwischen denbeiden Gruppen fördert den gegenseitigen Respekt. Dies ist ein Schritt, der Angst vor der Substitution Festangestellter durch Freiwillige entgegenzuwirken. Gleichzeitig wird den Freiwilligen durch einen eigenen
Tätigkeitsbereich die Möglichkeit gegeben, Expertinnen zu werden.
Daneben ist bei der Auswahl der Aufgabenbereiche zu bedenken, dass die Arbeit Spaß machen oder den Interessen der Freiwilligen entsprechen muss, ansonsten werden sie sich nicht (lange) engagieren. Die Freiwilligenarbeit steht in Konkurrenz zu anderen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten. Da Freiwilligen das Gehalt als Anreiz für die Arbeit fehlt, müssen die Aufgaben die individuellen Motive der Freiwilligen ansprechen. Argumentieren Sie emotional! Es ist einfacher, Freiwillige zu gewinnen, wenn diese sich durch die Thematik emotional angesprochen fühlen. Als Aufhänger eignet sich z. B. die Aufwertung des Stadtteils oder die Verbesserung des Angebots für Kinder.
- Ist die Schaffung eines "Freiwilligen-freundlichen" Klimas im Bibliothekskollegium möglich?
Der Einsatz von Freiwilligen kann nur gut funktionieren, wenn ein offenes Vertrauensverhältnis zwischen den Hauptamtlichen und Freiwilligen besteht. Abhängig von den bibliotheksspezifischen Voraussetzungen kann es viel Überzeugungsarbeit undAufklärung bedürfen, dieses zu schaffen. Deshalb sollte im Vorfeld geklärt werden, welche Vorbehalte unter den Mitarbeiterinnen bestehen und ob diese beseitigt werden können. Weitere Erläuterungen zu dem Thema finden Sie unter Die Zusammenarbeit von Freiwilligen und Hauptamtlichen.
Erste Schritte...
Bibliotheken agieren - gerade bei Themen wie dem Bürgerschaftlichen Engagement - nicht im luftleeren Raum. In jeder Kommune gibt es Personen und Einrichtungen, die sich bereits mit der Thematik beschäftigen und Institutionen, die schon lange Freiwillige in ihre Organisation integriert haben. Vor allem Sozialverbände wie die arbeiterwohlfahrt oder das Deutsche Rote Kreuz sind in diesem Bereich sehr aktiv.
Verschaffen Sie sich zu Beginn einen Überblick über aktuelle Angebote zum Bürgerschaftlichen Engagement und Freiwilligenarbeit in Ihrer Stadt oder Gemeinde und nehmen Sie Kontakt zu den Verantwortlichen auf. Ein zusätzliches Angebot für Freiwillige kann die Arbeit anderer Einrichtungen tangieren, eine frühzeitige
Abstimmung mit anderen Aktiven verhindert den Eindruck, dass Sie in fremden Gefilden wildern.
Für die Planung eines Freiwilligeneinsatzes ist es außerdem wichtig zu wissen, mit welcher Unterstützung Sie von Seiten der Kommune rechnen können. Informieren Sie sich deshalb über die Bedeutung, die Bürgerschaftlichem Engagement seitens der lokalen Politik und Verwaltung zugemessen wird. Die Praxis zeigt, dass die Unterstützung einer überzeugten Verwaltung vieles möglich macht. Inwieweit der Einsatz Freiwilliger Rückhalt aus der Politik genießt, sollten Sie ebenfalls vor dem Start des Projektes eruieren.
In jedem Fall sollte behördenintern die Personalverwaltung in den Prozess eingebunden und über die Prozesse informiert sein, um Befürchtungen hinsichtlich des Freiwilligeneinsatzes klären und ausräumen zu können.
Wenn es eine positive Entscheidung für den Einsatz Freiwilliger gibt, steht zumeist auch ein Einsatzgebiet fest. Es ist ratsam, vor der Gewinnung Freiwilliger das Aufgabenspektrum näher zu bestimmen und einzugrenzen. Hilfreich ist dazu die Erstellung einer oder mehrerer Stellenbeschreibung(en).
Als Hilfestellung folgt eine Übersicht der Punkte, die im Vorfeld bedacht werden sollten. Unter "Checkliste Gesamt" finden Sie eine Auflistung für den gesamten Einsatz.
Literatur
Birnkraut, Gesa: Management von Ehrenamtlichen. Ein Leitfaden für Kulturinstitutionen. Hamburg 2004.
Thier, Susanne: Ehrenamtliche Mitarbeit in deutschen Bibliotheken. Ergebnisse einer Umfrage. In: Bibliotheksdienst 32 (1998) 1, S. 108-120.
bibliotheksdienst.zlb.de/1998/1998_01_Politik01.pdf
Stumberger, Marion und Werner, Kathrin: Ehrenamtliches Personal in Bibliotheken. Stuttgart 2005.
www.spareninbibliotheken.de/docs/Ehrenamt_in_Bibliotheken.pdf
Wagner, Bernd [Hrsg.]: Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches
Engagement in der Kultur. Essen 2000.
Birnkraut, Gesa: Management von Ehrenamtlichen. Ein Leitfaden für Kulturinstitutionen. Hamburg 1 2004. S. 13.
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