
Freiwilligenarbeit, Ehrenamt oder bürgerschaftliches Engagement?
Zwischen den Begriffen existiert keine haarscharfe Trennlinie. Sie unterscheiden sich aber im Ursprung und den damit verbundenen Konnotationen.
Das Ehrenamt im engeren Sinn geht auf ein soziales oder politisches Amt zurück, für das Bürgerinnen verpflichtet werden können - wie heute noch das Amt des Wahlhelfers oder Schöffen.
Der Begriff Freiwillige lehnt sich an den englischen Ausdruck volunteer bzw. den niederländischen Begriff vrijwilliger an.
Der Ausdruck bürgerschaftliches Engagement wird vor allem in politischen Kreisen benutzt, da mit ihm stärker die gesellschaftspolitische Bedeutung der Tätigkeit betont wird. Unter bürgerschaftlichen Engagement wird auch nicht nur die Freiwilligenarbeit verstanden, sondern eine Reihe weiterer Initiativen für ein im demokratischen Sinne besseres Verhältnis zwischen Bürgerinnen und Kommune. Im weitesten Sinne hat dieser Begriff die Formulierung vom gesellschaftspolitischem Engagement abgelöst.
Außerdem wird zwischen dem alten und dem neuen Ehrenamt unterschieden. Damit wird einer Veränderung der Motive für das Engagement Rechnung getragen. Während früher (im alten Ehrenamt) altruistische Motive wie Nächstenliebe oder soziale Verantwortung im Vordergrund standen bzw. unterstellt wurden, liegen die Motive heute deutlich stärker auch im Bereich der Eigeninteressen (Spaß an der Arbeit, Selbstverwirklichung). Dies hat auch Auswirkungen auf die Dauer des Engagements. Freiwillige sind heute eher geneigt, sich in unterschiedlichen Lebensphasen auch bezogen auf ihr ehrenamtliches Engagement neu zu orientieren.
Personen, die eine solche freiwillige / ehrenamtliche / bürgerschaftliche Tätigkeit ausüben, bezeichnen sich selbst tendenziell eher als Freiwillige, auch wenn sich anhand der Daten des Freiwilligensurvey eine Entwicklung zurück zur Bezeichnung Ehrenamt erkennen lässt. Die Herausgeber der Studie begründen dies mit dem gestiegenen Anteil von Seniorinnen und Senioren am Kreis der Freiwilligen, da die sich selbst eher als Ehrenamtliche denn als Freiwillige begreifen.
In der Literatur werden die Begriffe letztendlich zur Beschreibung der gleichen Tätigkeit herangezogen, definiert durch folgende Kriterien:
• Unentgeltlichkeit: Es erfolgt keine angemessene, leistungsgerechte Bezahlung.
• Freiwilligkeit: Es gibt keinen rechtlichen oder physischen Zwang, eine Freiwilligenarbeit anzunehmen, der Einsatz erfolgt aus freiem Willen.
• Gemeinwohlorientierung: Der Einsatz zielt auf eine Steigerung des Gemeinwohls ab. Mit diesem Kriterium erfolgt die Abgrenzung zur Selbsthilfe oder Hausarbeit für den eigenen Nutzen.
• Öffentlichkeit: Das Engagement findet im öffentlichen Raum statt, die Teilnahme ist anderen Personen generell möglich.
In diesem Onlinehandbuch wird angelehnt an bibliothekarische Veröffentlichungen zu dem Thema (das Positionspapier des DBV, Hobohm/Umlauf: Erfolgreiches Management von Bibliotheken) durchgehend der Begriff Freiwillige verwendet.
Die aktuelle Diskussion
In den letzten Jahren entstand eine intensive Diskussion über die Freiwilligenarbeit. Die Gründe für diese Welle der Aufmerksamkeit liegen in mehreren Entwicklungen.
Zum einen gab es einen Warnruf der Verbände, die sich traditionell stark auf das Engagement Freiwilliger stützen. Sie beklagten, dass es zunehmend weniger Freiwillige gäbe, die bereit seien, sich zu engagieren. Als Begründung wurden die Individualisierung der Gesellschaft und der damit verbundene Wegfall traditioneller Bindungen an Vereine, Parteien, Kirchen und anderen Interessengruppen angeführt.
Gleichzeitig wird das Thema durch die finanzielle Notlage des öffentlichen Sektors in den Fokus des allgemeinen Interesses gerückt. Kulturelle und soziale Institutionen müssen mit Kürzungen ihrer Mittel umgehen, der Einsatz Freiwilliger verspricht hier einen Ausweg.
Als dritter Faktor wirkt sich der demographische Wandel auf die Diskussion aus. Der Anteil von Bürgerinnen, die in der dritten Lebensphase nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben noch über Jahre hinweg geistig und körperlich fit sind und nach einer sinnvollen Beschäftigung suchen, steigt stetig. 70-jährige sind heute so fit wie die 65-jährigen vor 30 Jahren und verfügen gleichzeitig über einen höheren Bildungsstand, mehr finanzielle Ressourcen und freie Zeit. Hier entwickelt sich ein enormes Potential, das die Frage aufwirft, wie es zu nutzen ist.
Parallel erfolgt auch von Seiten der Politik eine Aufwertung der Thematik. In Deutschland wird 1999 erstmals der Freiwilligensurvey, eine sehr detaillierte und breit angelegte Erhebung zum Thema Freiwilliges Engagement in Deutschland, durchgeführt, 2004 folgt eine zweite Runde. Die UNO ernennt das Jahr 2001 zum internationalen Jahr der Freiwilligen, um deren Arbeit zu würdigen; der fünfte Dezember wird als Internationaler Tag des Ehrenamtes festgelegt.
Hinter dieser Euphorie für das Freiwilligenengagement steht das Idealbild des aktivierenden Staates und des partizipierenden Bürgers in einer lebendigen "community". Dieses Bild ist stark von der us-amerikanischen Idee des Kommunitarismus geprägt. Kritiker sehen dagegen in dem vermehrten Einsatz Freiwilliger den Versuch des Staates, sich aus seinen Aufgaben zurückzuziehen, um so finanzielle Aufwendungen reduzieren zu können.
Diese diametralen Sichtweisen finden sich auch im bibliothekarischen Bereich wieder. Während der Einsatz einerseits als stärkere Einbeziehung der Bürgerinnen begrüßt wird, schwingt gleichzeitig immer die Angst vor der Ersetzung bezahlter Arbeit mit unbezahlter mit. Dementsprechend wird in offiziellen Standpunkten die Ausweitung des Angebots durch Freiwillige empfohlen, der Einsatz in originär bibliothekarischen Arbeitsfeldern aber mehrheitlich abgelehnt.
Literatur:
• BAS [Hrsg.]: Seniorenbüros - Impulsgeber für innovative Seniorenarbeit in Kommunen. Bonn 2006.
• Wagner, Bernd: Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement in der Kultur. In: Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement in der Kultur. Bonn 2000.
• Stecker, Christina: Vergütete Solidarität und solidarische Vergütung. Zur Förderung von Ehrenamt und Engagement durch den Sozialstaat. Opladen 2002.
• Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=73430.html&foo=5
• Paritätische Akademie: TOOLBUCH. Handreichung für das Ehrenamtsmanagement – Arbeit mit Ehrenamtlichen. http://www.paritaetische-akademie.de/start_online.htm (im Download-Center)
• Freiwillige – (k)eine Chance für Bibliotheken? Ein Positionspapier des Deutschen Bibliotheksverbandes. Berlin 1999. In: Bibliotheksdienst 33 (1999)8. http://www.bibliotheksverband.de/publikationen/freiwillige.pdf