
Die Praxis in NRW
Eine Auswertung der DBS ergibt, dass ungefähr 88 der Öffentlichen Bibliotheken in NRW mit Freiwilligen arbeiten. Die Durchführung zweier Umfragen ermöglicht eine nähere Untersuchung der Thematik. Die erste fand unter den 88 Bibliotheken statt, der Auswertung liegen die Antworten von 50 Bibliotheken zugrunde. Mit der zweiten Umfrage wurden die in den Bibliotheken eingesetzten Freiwilligen zu ihrer Motivation befragt, sie stützt sich auf die Antworten von 205 Freiwilligen aus verschiedenen nordrhein-westfälischen Bibliotheken. Zwei Powerpoint-Dateien mit den wichtigsten Ergebnissen finden Sie am in der Onlineversion. Ein Indiz für die Kontinuität der Freiwilligeneinsätze sind die Angaben zur durchschnittlichen Einsatzdauer der Freiwilligen, beinahe alle Bibliotheken geben an, dass ihre Freiwilligen über ein Jahr tätig sind.
Bei der Anzahl der tätigen Freiwilligen offenbaren sich große Unterschiede, die von der Größe der Bibliothek ebenso beeinflusst sind wie durch die Einsatzfelder. Mehr als die Hälfte der Bibliotheken beschäftigt weniger als 10 Freiwillige, der Durchschnitt liegt aber bei 21 Freiwilligen pro Bibliothek. Durchschnittlich sind die Freiwilligen eine Stunde in der Woche aktiv. Während 70% der Bibliotheken angeben, einen festen Ansprechpartner für die Freiwilligen bereitzustellen, werden schriftlich fixierte Leitlinien bisher nur von 10% der Bibliotheken erstellt. Ein sehr vorbildliches Konzept ist von der Stadtbibliothek Köln in enger Kooperation mit der örtlichen Freiwilligenagentur erarbeitet worden.
Bei der Gewinnung der Freiwilligen setzen die Bibliotheken zumeist auf eine Kombination mehrerer Strategien. Die häufige Nennung der Mund-zu-Mund-Propaganda (62%) weist auf die eklatante Bedeutung des persönlichen Kontakts bei der Arbeit mit Freiwilligen hin. Die Befragung der Freiwilligen selbst ergibt, dass lediglich 3% von ihnen über eine Freiwilligenagentur zur Bibliothek gestoßen sind.
Um bei der Gewinnung von Freiwilligen ebenso wie bei der Auswahl von Arbeitsfeldern oder Anerkennungsformen ansprechende Angebote für die Freiwilligen zu konzipieren, sind die Motive, die zu einem freiwilligen Engagement in einer Öffentlichen Bibliothek führen, entscheidend. Die befragten Freiwilligen haben ihre Beweggründe für den Einsatz selbst formuliert, bei der Zusammenfassung der Antworten ließen sich deutliche Schwerpunkte ausmachen. Bei der Planung eines Einsatzes an diese Motive anzuknüpfen, ist ratsam:

Anforderungen, die die Bibliotheken an die Freiwilligen stellen, sind geprägt durch die jeweiligen Einsatzgebiete, als Anregung aber auch von generellem Wert (hier gestaffelt nach der Häufigkeit, mit der sie genannt wurden):
• Vorlesekompetenz/Seminar VorlesepatIn
• PC/EDV/Internet-Kenntnisse
• Freude am Umgang mit Kindern
• Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit
• allg. soziale Kompetenz, Spaß am Umgang mit Menschen
• Allgemeinbildung, Literaturkenntnis
• abhängig vom Einsatz
• Ordnungsliebe, Korrektheit
• teamfähig, Flexibilität
• Bereitschaft zu Fortbildungen
• Kenntnisse Buchmarkt
• gut im Umgang mit Publikum
• gute dt. Sprachkenntnisse
• älter als 12
• Spaß am Kuchen backen
In Bezug auf die Aufgabenbereiche der Freiwilligen liegt der klare Schwerpunkt auf der Vorlesepatenschaft, den 70% der Bibliotheken betreuen. Aber auch in klassisch bibliothekarischen Arbeitsfeldern wie Medienrücksortierung/Buchpflege (38%), der Aufsicht/Ausleihe (22%) und der Betreuung von Zweigstellen (8%) werden in der Summe (68%) viele Freiwillige eingesetzt.

Die Schulung der Freiwilligen erfolgt in hohem Maße durch das Bibliothekspersonal (74%), häufig kombiniert mit externen Maßnahmen. Als Anbieter werden beispielsweise die Stiftung Lesen, die LAG Jugend und Literatur NRW und ko-Libri benannt.
Als Formen der Anerkennung bieten die meisten Bibliotheken (84%) eine Form der Kostenerstattung, zumeist der Gebühr für den Bibliotheksausweis oder Formen der Materialerstattung, an, daneben gibt es aber auch eine Reihe von nicht-monetären Formen. Einen Überblick über die Anerkennungsformen finden Sie hier:
Im Durchschnitt befassen sich die befragten Bibliothekarinnen und Bibliothekare rund drei Stunden in der Woche mit dem Freiwilligeneinsatz. Dabei ist zu beachten, dass dieser Wert nicht den Aufwand wieder gibt, der mit der Einführung eines Freiwilligenprojektes verbunden ist. Die Belastung in der Anfangsphase muss deutlich höher angesiedelt werden.
Die Bewertung des Einsatzes durch die Bibliotheken ist in drei Bereiche gegliedert, eine Abfrage der allgemeinen Zufriedenheit mittels einer Skala, der Abfrage von Vorteilen und von Problemfeldern.
Bei den Vorteilen stechen zwei große Felder heraus: Der Imagegewinn, der durch die Multiplikatorenfunktion der Freiwilligen erreicht wird (benannt durch 44% der Bibliotheken) und die Erweiterung bzw. der Erhalt des Dienstleistungsangebots (60%). Alle genannten Vorteile im Überblick:
• Bürgerschaftliches Engagement ermöglichen, Multiplikatorenfunktion, Imagegewinn,
• bestimmte Dienste/Einrichtungen können nur mit Hilfe der Freiwilligen aufrecht erhalten oder neu geschaffen werden,
• Das hauptamtliche Personal wird von Routinearbeiten entlastet,
• Flexiblere Personalplanung,
• Durch den Einsatz von fremdsprachigen Vorlesepaten sind nun auch Veranstaltungen in weiteren Sprachen möglich,
• Ideenpool für Aktionen,
• persönlicher Bezug und Kontakt zu Nutzern aller Altersklassen,
• motivierendes Arbeitsklima,
• Sie sind das einzige für uns zur Verfügung stehende Personal,
• Kostenreduktion, Erweiterung Öffnungszeiten,
• Zeitersparnis.
Als Problemfelder werden am häufigsten die fehlende Zuverlässigkeit bzw. fehlende Möglichkeit der Verpflichtung sowie der zusätzliche Aufwand, der für das hauptamtliche Personal anfällt, benannt. Eine Liste aller Problemfelder finden Sie unter Evaluation/Problemfelder auf Seite 68.
Bibliotheken wie auch Freiwilligen zeigen sich zufrieden mit den Einsätzen. Auf einer Skala von 1 (sehr zufrieden) bis 5 (sehr unzufrieden) wird bei den Bibliotheken ein Mittelwert von 1,8; bei den Freiwilligen ein Wert von 1,7 erzielt. Diese Zufriedenheit spiegelt sich auch in den Reaktionen auf die Bitte an die Freiwilligen, Bereiche, die verbesserungswürdig sind, zu benennen, wieder. 60% der Befragten sehen keine Notwendigkeit den Einsatz zu verbessern. Rund 2/3 der Freiwilligen, die einen Verbesserungsbedarf sehen, wünschen sich diesen bei den Fortbildungsmöglichkeiten / Schulungen.
Praxistipps
Um ein lebendiges Bild von der Praxis in den nordrhein-westfälischen Bibliotheken jenseits der nackten Zahlen zu bekommen, fanden neben den Umfragen auch mehrere Interviews mit Verantwortlichen aus Bibliotheken, die über Erfahrungen mit Freiwilligen verfügen, statt. Obwohl sich die Freiwilligeneinsätze der Bibliotheken deutlich voneinander unterscheiden, kommen einige Punkte immer wieder zur Sprache:
Es gibt mehrere Faktoren, die einen für alle Seiten positiven Einsatz bedingen:
• Persönlicher Kontakt: Die Freiwilligenkoordinatorin sollte (jederzeit) ansprechbar sein für die Freiwilligen. Dies wird als Bekundung der Anerkennung wahrgenommen. Gleichzeitig sollte diese Stelle auf einer möglichst hohen Ebene der Bibliothek angesiedelt sein, um die Wertschätzung des Engagements zu unterstreichen.
• Kooperation mit anderen Einrichtungen: Wer einen Freiwilligeneinsatz auf die Beine stellen will, der mehr als eine handvoll Freiwilliger umfasst, sollte dringend nach Kooperationspartnern Ausschau halten. Die Ausgliederung einzelner Organisationsaufgaben ist mit steigender Größe unumgänglich.
• Kommunales Klima des bürgerschaftlichen Engagements: Eine Verwaltung, die sich das Bürgerschaftliche Engagement auf die Fahnen geschrieben hat, erleichtert vieles. Zum einen hilft sie bei der Suche nach Kooperationspartnern (oder stellt selber einen dar), zum anderen ist es merkbar leichter, Gelder für Schulungsmaßnahmen oder Anerkennungsformen zu erhalten.
• Treffen der Freiwilligen: Von den Freiwilligen zum großen Teil hoch geschätzt; als Anerkennung werden so Hauptmotive der Freiwilligen bedient: der Wunsch nach sozialen Kontakten und Geselligkeit. Gleichzeitig aber auch eine Möglichkeit für die Bibliothek zu hinterfragen, wie der Einsatz läuft. Dies ist vor allem wichtig in Bereichen, wo Freiwillige sehr unabhängig agieren.
Daneben gibt es Faktoren, die die Rahmenbedingungen beeinflussen:
• Je stärker die Aufgaben, mit denen sich Freiwillige beschäftigen sollen, ins bibliothekarische Arbeitsfeld fallen, umso mehr Überzeugungsleistung ist im Vorfeld bei dem eigenen Personal nötig.
• Die Kooperation mit Freiwilligenagenturen wird in den einzelnen Städten sehr unterschiedlich bewertet. Dies hängt damit zusammen, dass die Freiwilligenagenturen nicht unter einheitlichen Bedingungen arbeiten und demzufolge auch mit unterschiedlichem Engagement. Glück hat, in wessen Stadt eine Agentur sich intensiv mit der Thematik auseinandersetzt und mit entsprechendem Mittel und Personal ausgestattet ist wie in Köln oder Duisburg. An anderen Orten scheinen die Agenturen eher darauf erpicht, Quoten zu erfüllen, indem sie wahllos Freiwillige zu vermitteln versuchen. Dabei lassen sie die Frage, welche Form des freiwilligen Engagements die Einrichtung/Bibliothek anbieten will, und wer dafür geeignet ist, völlig außer Acht.